Ein buntes Wunderland

Ein buntes Wunderland

Der Stuttgarter Hafen – Containertürme, Schrottberge, Lagerhallen und Anlegerstellen, Hafenbahn und Lkws. Als wir das erste Material für unseren Film sammeln wollten und am Hafen herumfragten, wo denn hier ein Atelier sei, wurden wir eher mit argwöhnischen Blicken betrachtet. „Ich glaube kaum, dass es hier sowas gibt“, war meistens die Antwort. Dieselbe hätten wir aber auch erwartet, wenn wir in der Stuttgarter Innenstadt nach dem Hafen der Stadt gefragt hätten.

Also wurden wir nach einer Weile der Sucherei in der unerbittlichen Mittagshitze fündig. Zwischen all dem Dreck und der Hektik fanden wir es. Versteckt im zweiten Stock des Zollamtes am Westkai: ein kleines Atelier – WestKaiArt.

Sechs Künstlerinnen lassen hier ihrer Fantasie freien Raum und lassen sich von diesem magischen Ort zwischen Industrielandschaft und Weinbergen, dem Kontrast zwischen Heimweh und Fernweh inspirieren, so steht es zumindest auf ihrer Website.

Für nicht so künstlerisch affine Menschen wie uns klingt das etwas sehr poetisch, denn mit der Kunst hatte zumindest ich (Sven) nicht mehr am Hut, als den mit Mühe bestandenen zweistündigen Abiturkurs, in dem ich durch den guten Willen der Kunstlehrerin ein akzeptables Bild auf mein Papier schmierte. Doch schon als uns Jo Schöffend, eine der sechs Künstlerinnen, morgens die Tür mit einem so freundlichen Lächeln öffnete, wussten wir, dass es doch sehr interessant werden würde. Nach einem warmen Empfang, führte sie uns in den kleinen, bunten Räumlichkeiten herum, in denen ihre Werke entstanden.

Mit ihren Pinseln, Spachteln, Stiften und der Fotokamera entdecken sie den Hafen neu und suchen das Detail am Wegrand. Denn „Industrie ist auch Poesie!“ sagt sie und erzählt uns mehr davon, wie die Künstlerinnen zueinander fanden, warum sie sich gerade am Hafen niedergelassen hatten und von vielen verschiedenen Aktionen und Werken. Beispielsweise davon, dass sie immer wieder große Container bestellen, in denen sie bei der langen Nacht der Museen ihre Kunstwerke ausstellen.

Und je mehr Jo uns erzählt, desto faszinierter sind wir von dem doch so anderen Blick auf die Dinge und dem Talent, das in den vielen Bildern und Werken steckt, die gerade um uns herum stehen. Extra für uns ist sie auch bereit einige ihrer Arbeitsmethoden, zum Beispiel den Siebdruck zu demonstrieren. Dabei immer ein freundliches Lächeln und einen Witz auf den Lippen.

Der Neckar – das Wasser allgemein – spielt dabei in ihren Arbeiten immer wieder eine bedeutende Rolle –  er ist eine Art Verbindungsstück.

„Schiff ahoi“ lautete dieses Jahr das Thema in der langen Nacht der Museen. Das Highlight: Hunderte von Stempelbooten wurden von den Besuchern aufs Wasserbild gesetzt und die bunten Transportboxen vollkommen. Es war sehr schade, dass sie zu dem Zeitpunkt, an dem wir unseren Beitrag drehten, schon vorbei war.

Als nach Stunden des Regens endlich die Sonne hervorblickte, zeigte uns Jo Schöffend bei einem kleinen Hafenspaziergang sogar noch ihren Blickwinkel auf den Hafen. Für sie war die Oberfläche der geriffelten Container und der welligen Weinberge im Hintergrund eine faszinierende Struktur, die miteinander verschmolz. Zudem erzählte sie uns, wie sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen die Anlagedocks in einer Nacht und Nebel Aktion mit Pinseln so bemalt hatte, dass es nun aussah, als sprössen große, rot-weiß gesprenkelte Fliegenpilze aus dem Boden im Hafenbezirk.

Und nach etwa vier Stunden verließen wir die kleine, bunte Welt des WestkaiArt wieder, mit viel schönem Material im Kasten. Vergessen werden wir es aber wohl nicht so schnell.

(Im Titelbild: Monika Doleski)

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Die Gruppe 404 möchte euch den Stuttgarter Hafen vorstellen. Ein Hafen in Stuttgart? das gibt’s doch nicht?! – Sehr wohl! Selbst eingefleischte Stuttgarter wissen oft nichts vom stadteigenen Hafen. Zeit, dass sich das ändert. Wir sind Lucy, Larissa, Sven, Chris, Vinzent und Erik vom 404-Team und freuen uns, euch den Stuttgarter Hafen etwas näher bringen zu können.